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Klassisch, kompetent, katholisch
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(TOP 1000 REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Einleitung in das Alte Testament (Broschiert) Eine Einleitung, die es bis zur siebten Auflage schafft, verdient zweifelsohne Beachtung. Abgesehen vom beeindruckenden Umfang des Werks stehen neben Erich Zenger weitere hochkarätige katholische Theologen wie Heinz-Josef Fabr., Georg Braulik u. a. auf der Autorenliste. Um so spannender wird die Lektüre für evangelische Leser werden, die gerne einen Blick über den Tellerrand werfen möchten. Dies wird dem Leser insbesondere durch die Ausführungen zu den (zum römisch-katholischen Kanon gehörenden) Apokryphen möglich. Die Einbeziehung der Apokryphen stellt auch eine Ursache für den deutlich größeren Umfang im Vergleich zu ähnlichen alttestamentlichen Werken wie etwa der Einführung von Jan Christian Gertz dar.
Wer jedoch nach eigentlichen exegetisch-theologischen Unterschieden sucht, dürfte nur bei ausreichender eigener Fachkompetenz erfolgreich sein. Das Werk reiht sich von der historisch-kritischen Methode her gesehen in eine Reihe mit anderen Einleitungen ein, betont jedoch stark den kanonischen Endtext. Die Darstellung der einzelnen biblischen Bücher erfolgt in der Regel nach einem standardisierten Schema: Den Ausführungen zur Textüberlieferung folgen Darstellungen zum Aufbau, denen sich Erläuterungen zur Entstehung anschließen. Abgeschlossen wird das Schema durch Anmerkungen zur Theologie des entsprechenden Buchs.
Im ersten Kapitel "Heilige Schrift der Juden und der Christen" wird der Selbstanspruch Zengers herausgestellt, nämlich dass das Werk als ein eher konservatives aufzufassen ist: "Es soll [...] eingeführt werden in das Verstehen des Ersten Testaments als Heilige Schrift" (9). "Konservativ" darf jedoch nicht in dem Sinne missverstanden werden, dass Spuren biblizistischen Denkens zu erwarten seien. Vielmehr ist die Aussage so zu verstehen, dass die Autoren dem kanonisierten Text einen hohen Stellenwert beimessen. Die wissenschaftlich fundierten Ausführungen wollen den Text in seiner Entstehung und in seinen theologischen Aussageabsichten würdigen und unterstreichen gerade durch die besondere Gewichtung des Endtextes seine Bedeutung für das christliche Selbstverständnis.
Das Kapitel "Der Text und seine Geschichte" führt in einem knappen Überblick in die verschiedenen Theorien zur Entstehung und Ausbreitung der Texte ein und stellt eine gute Zusammenfassung des Wissens dar, das ein Theologiestudent im Proseminar Altes Testament erwirbt.
Spätestens in "Die Bücher der Tora/des Pentateuch" wird der Leser förmlich erschlagen von der Fülle der dargebotenen Informationen. Glücklicherweise werden die Ausführungen durch unterschiedliche Textgrößen aufgelockert, so dass Überblickswissen von Detaildarstellungen gut unterschieden werden kann und ein zügiges Lesen möglich wird. Zusätzlich erleichtern mehrere Grafiken den Einstieg in das komplexe Thema der Entstehungsmodelle des Pentateuchs. Das Kapitel bietet somit einen guten Überblick über zurzeit diskutierte Entstehungstheorien.
Im vierten Kapitel "Die Bücher der Geschichte" zeigt Zenger, dass die Intention des Alten Testaments primär nicht die Darstellung historischer Abläufe, sondern die Interpretation der Ereignisse im Hinblick auf den Gott Israels sei. Hilfreich sind hier v. a. Darstellungen von Strukturmerkmalen, die Gattungsbegriffe für Texte vorschlagen bzw. eine Gattungszuordnung erleichtern.
Die Ausführungen im Kapitel "Die Bücher der Weisheit" erwecken den Eindruck, dass sich Zenger zum Anwalt eines durch die reformatorische Tradition in Misskredit geratenen Teil des Alten Testaments macht. Unklar bleibt, wogegen er sich konkret abgrenzt, indem er Vorbehalte aus besagter Tradition gegenüber den Weisheitsbüchern darstellt und entkräftet, zumal die von ihm erhobenen Vorwürfe in der evangelischen Theologie deutlich differenzierter betrachtet werden. Sein Plädoyer für eine offene und interessierte Beschäftigung mit der Weisheitsliteratur ist überzeugend und weckt das Interesse auf eine Auseinandersetzung mit ihr.
Hin und wieder finden sich gerade in den Ausführungen zu apokryphen Schriften kleine Bonbons. In der Regel nicht bekannte Details zu den apokryphen Büchern wie z. B. Jesus Sirach, dessen Inspiration sich in Kirchenliedern wie "Nun danket alle Gott" und "Nun danket all und bringet Ehr" niederschlägt, werden erwähnt.
Den größten Anteil am Umfang des Buches haben die Darstellungen der Prophetenbücher. Hier wird das Selbstverständnis der Einleitung wieder deutlich, nämlich dass auch wissenschaftliche Methoden von einer theologischen Perspektive her reflektiert werden müssen. Die Untersuchung von Texten kann nämlich nicht Selbstzweck sein, sondern muss zu theologischer Erkenntnis führen. Unter der Grundannahme der Propheten als Gesellschaftskritiker und Visionäre einer bereits hereinbrechenden katastrophalen Zukunft erwartet den Leser bei der Lektüre jedoch eine Liebe zum Detail, die einer Geduldsprobe gleicht. Dieses Kapitel eignet sich deshalb mehr zu einer guten Nachschlagemöglichkeit, weniger zu fortlaufender Lektüre.
Das letzte Kapitel dreht sich um die Geschichte Israels und stellt eine wertvolle Neuerung in der siebten Auflage dar. Sie kann insgesamt in der Mitte zwischen einer Minimal- ("nur das ist historisch, was von bibeltextunabhängigen Wissenschaften wie der Archäologie bestätigt wurde") und einer Maximalposition ("alles wird als historisch wahr angenommen, bis es widerlegt wird") eingeordnet werden. Klar positioniert sich der Autor mit Sätzen wie: "Zum einen ist richtig, dass die Bibel theologische Tendenzliteratur ist, aber deswegen muss sie noch nicht eine späte unhistorische Fiktion sein" (588). Die Geschichte Israels liest sich auf Grund einer klaren Strukturierung und einem griffigen Sprachstil besonders gut.
Fazit: Ohne Frage erhält man mit der Einleitung in das Alte Testament von Erich Zenger nicht nur eine große Menge, sondern auch qualitativ hochwertige Inhalte bei einem angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnis. Viele Tabellen und einige Karten erleichtern den Überblick, auch wenn mehr Abbildungen wie sie z. B. die Einführung (eine "Einleitung" beinhaltet klassischerweise ja nur die Entstehungsgeschichte der Texte, nicht auch ein Methodenkompendium und eine Geschichte Israels) von Gertz bietet, hilfreich gewesen wären. Die Lektüre des anspruchsvollen Werkes fordert in mehrfacher Hinsicht heraus. Zum einen verdienen der Umfang und die große Fülle von Details Respekt, zum anderen dürfte das Buch als Nachschlagewerk noch zu wenige Informationen liefern.
Wer sich auf eine Prüfung vorbereitet, wird abwägen müssen, ob er in Anbetracht der ihm zur Verfügung stehenden Zeitressourcen eventuell zu einem knapperen Werk greift. Wer genaue Informationen zum Forschungsstand im Alten Testament braucht, wird möglicherweise Details vermissen. Wer jedoch unbefangen einen wissenschaftlichen Zugang zum Alten Testament mit einem katholischen Akzent sucht, ist mit dieser Einleitung hervorragend bedient.

Viktor Weber

ichthys 26 (2010), 133-135
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 28. April 2010
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